Dilthey: Plädoyer für die Geisteswissenschaften


Dilthey: Plädoyer für die Geisteswissenschaften
Dilthey: Plädoyer für die Geisteswissenschaften
 
Die Naturwissenschaften galten in der wissenschaftstheoretischen Debatte des 19. Jahrhunderts nicht wenigen als Inbegriff und verbindliche Form von Wissenschaftlichkeit überhaupt. Dies hatte dazu geführt, dass Disziplinen wie der Philosophie oder der Geschichtswissenschaft die Wissenschaftlichkeit abgesprochen wurde. Auf diesem Hintergrund steht Wilhelm Diltheys Bemühen um eine sowohl inhaltliche als auch methodische Neubegründung der Geisteswissenschaften. Sein Plädoyer für ihre zentrale Stellung im gesamten System der Wissenschaften geht zurück auf Grundannahmen seiner Philosophie, wie er sie vor allem in seinen Arbeiten zu einem philosophischen Begriff der Erfahrung entwickelt hat.
 
Mit seinem neugefassten und gegenüber der Tradition erweiterten Begriff der Erfahrung suchte er über Einseitigkeiten hinauszugelangen, wie er sie der klassischen Erkenntnistheorie neuzeitlicher Metaphysik und dem Empirismus in der Nachfolge von David Hume vorhielt. Diese hatten nämlich in der Tat die menschliche Erfahrung auf ihren rein kognitiven Aspekt reduziert und weitere Gesichtspunkte, die für eine vollständige Bestimmung eines Begriffs menschlicher Erfahrung von Wichtigkeit sind, außer Acht gelassen. Dilthey verwies in diesem Zusammenhang insbesondere auf die affektiv-gefühlsmäßige und voluntative Dimension in der menschlichen Erfahrung. Darüber hinaus sucht er Platz zu schaffen für einen gegenüber dem Empirismus und dem strengen Kausalitätsdenken erweiterten Begriff der Wirklichkeit. So sollte das Spektrum dessen verbreitert werden, was einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich ist. Dilthey konnte dabei auf den Zusammenhang verweisen, dass dem eindimensionalen Begriff der menschlichen Erfahrung in der Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts die einseitige Favorisierung eines Wissenschaftskonzepts entspricht, in dem nur die kausal-erklärenden Naturwissenschaften zugelassen sind.
 
Die Ausrichtung seiner philosophischen Interessen wurde mit durch den Umstand geprägt, dass Dilthey in einem protestantischen Pfarrhaus aufwuchs. Zu seinen Studienfächern gehörte zunächst auch die Theologie, die er 1856 mit Examen abschloss; später konzentrierte er sich jedoch ganz auf die Fächer Geschichte, Philologie und Philosophie, die er in Heidelberg und Berlin studierte. Nach seiner Dissertation über die Ethik des protestantischen Theologen und Religionsphilosophen Friedrich Schleiermacher und im Anschluss an seine Habilitation im Fach Philosophie mit der Arbeit »Versuch einer Analyse des moralischen Bewusstseins« legte er im Jahre 1870 mit der umfangreichen Studie »Das Leben Schleiermachers« seine erste große Veröffentlichung vor. Sie begründete seinen Ruf als hervorragender Historiker der Geisteswissenschaften. In der Schrift »Einleitung in die Geisteswissenschaften« von 1883 entwickelte er dann die systematischen Prinzipien seines eigenen Konzepts von Wissenschaft, ein Werk, das er selbst als eine »Kritik der historischen Vernunft« bezeichnete.
 
Hiermit zielte Dilthey unverkennbar kritisch auf Kants bahnbrechende Arbeit zur theoretischen Philosophie, nämlich die »Kritik der reinen Vernunft«. Diltheys Kritik dagegen wollte darauf hinweisen, dass die neuzeitliche Erkenntnistheorie, wie sie von Hume und dann insbesondere von Kant formuliert worden war, nicht die gesamte Realität der menschlichen Erfahrung in den Blick bekommt und infolgedessen auch nur zu einem verengten, man könnte auch sagen: verarmten Begriff des »Objektiven« oder Wirklichen gelangt. Ihr fehlt ein theoretisch adäquater Zugang zur Bedeutung der Geschichte und zum sprachlichen Verstehen, zum kulturellen Lebensprozess oder der sozialen Einbettung des menschlichen Erkennens. Damit verband er nicht die Behauptung, dass Kant die Bedeutung der Geschichte gänzlich übersehen hätte. Sehr wohl hat Kant der Geschichte einen wichtigen Platz in seiner Philosophie eingeräumt, aber das Problem der Geschichte hatte er nur im Bereich der praktischen Vernunft berücksichtigt, nicht jedoch im Konzept der theoretischen Erkenntnis und dem des wissenschaftlich arbeitenden Verstandes, der auf das Erkennen eines »objektiv Gegebenen« und in diesem Sinne »Wirklichen« abzielt. Der wissenschaftlich erkennende Verstand war bei ihm somit nur einfach und ungeschichtlich »gegeben« - genauso, wie die Gesetze der Natur, auf die der Verstand ausgerichtet ist, ungeschichtlich immer schon »vorhanden« sind. Dilthey sah dagegen den Menschen nicht nur in seinem praktischen Handeln, sondern auch durch sein Bemühen um theoretische Erkenntnis von Geschichte, Sprache und Kultur geprägt. Aus dieser Einsicht suchte er die notwendigen Schlussfolgerungen auch für einen erweiterten Begriff der Wissenschaft zu ziehen.
 
Dilthey zählt zu den Vertretern des Historismus, dem auch sein akademischer Lehrer Leopold von Ranke oder Johann Gustav Droysen zuzurechnen sind. Der Historismus des 19. Jahrhunderts hatte betont, dass alle Kulturen und alle geistigen Inhalte geschichtlich geworden seien. Anders jedoch als die Philosophen des deutschen Idealismus vor ihnen, wie etwa Hegel, teilten die Vertreter des Historismus nicht die Auffassung, dass alle Ereignisse innerhalb der Geschichte Ausdruck eines der Geschichte selbst noch einmal zu Grunde liegenden Planes oder »Vernunftgesetzes« sei, das der Philosoph erkennen kann. Dilthey unterstrich die Bedeutung der vom Historismus vertretenen Einsicht in die radikale Geschichtlichkeit des Menschen und aller seiner Lebensäußerungen, ohne dabei jedoch zugleich der Tendenz des Historismus zu verfallen, alle Geltungsansprüche des menschlichen Erkennens und der Wissenschaften unter einen relativistischen Vorbehalt zu stellen.
 
Als einer der ersten Vertreter einer modernen Wissenschaftstheorie wies Dilthey darauf hin, dass die Begriffe und Formeln der Mathematik, mit denen zum Beispiel die Physik ihren Gegenstandsbereich erfasst, grundsätzlich nicht geeignet sind, auch die soziale, kulturelle oder geschichtliche Welt des Menschen angemessen zu beschreiben. Daher müsse das Konzept der Wissenschaften erweitert werden, und auch den Geisteswissenschaften stehe das Recht zu, sich »Wissenschaft« nennen zu können. Diese Einsicht machte Dilthey zu einem der wichtigsten Vertreter der philosophischen Hermeneutik im 19. Jahrhundert. Nachhaltig hat er auch die Hermeneutik-Diskussion des 20. Jahrhunderts beeinflusst, zu der in Deutschland vor allem Martin Heidegger mit seinem berühmten Werk »Sein und Zeit« und Hans-Georg Gadamers »Wahrheit und Methode« beigetragen haben.
 
Im Mittelpunkt von Diltheys Theorie der Geisteswissenschaften steht der auch für die Hermeneutik-Diskussion zentrale Begriff des »Verstehens«. Er markiert methodisch den Unterschied zu den Naturwissenschaften. Sind diese für Dilthey dadurch bestimmt, dass Phänomene oder Tatsachen in der Natur mithilfe der Annahme allgemeiner und kausal wirkender Gesetze erklärt werden, definieren sich nun andererseits die Geisteswissenschaften dadurch, dass sie sich gerade auf solche Ereignisse oder Sachverhalte der Lebenswelt beziehen, die »verstanden« werden müssen, um richtig erkannt zu werden. Darunter fasst Dilthey solche Erscheinungen, deren spezifischer Erkenntnisgehalt, wie etwa im Falle eines Kunstwerks, einer menschlichen Mitteilung oder einer komplexen Abfolge von Handlungen, durch die Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode der Erklärung gerade nicht erkannt, sondern »weg-erklärt«, also zum Verschwinden gebracht würden. Diltheys Vorschlag zielt also darauf ab, die Besonderheit der menschlichen Lebenswelten und deren spezifischen Handlungssinn vor einer objektivistischen Reduktion auf kausale Naturgesetze zu schützen. Missverständlich in diesem Zusammenhang ist allein das im Deutschen heute eher ungebräuchliche Wort des »Geistes«. Es scheint einen von der Lebenswelt und dem Handlungssinn der Menschen abgetrennten Bereich abstrakter oder reiner »Idealität« anzudeuten. Doch das ist gerade nicht intendiert. Vielleicht lässt sich das, was er mit dem Wort »Geisteswissenschaften« sagen will, heute am besten mit dem auch im Deutschen nicht mehr ungebräuchlichen englischen Begriff der »human sciences« (französisch »sciences humaines«) wiedergeben.
 
Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann
 
 
Röd, Wolfgang: Der Weg der Philosophie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Band 2: 17. bis 20. Jahrhundert. München 1996.
 Schnädelbach, Herbert: Philosophie in Deutschland 1831—1933. Frankfurt am Main 51994.

Universal-Lexikon. 2012.

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